Manche Gadgets versuchen, die Quadratur des Kreises zu lösen, und die Soundcore AeroFit 2 Pro gehören definitiv in diese Kategorie. Sie versprechen das Beste aus zwei Welten: das luftige, freie Tragegefühl von Open-Ear-Kopfhörern für den Sport und die relative Ruhe einer aktiven Geräuschunterdrückung für die Bahn oder das Büro.
Ob dieser gewagte Spagat im Alltag wirklich gelingt oder ob man am Ende doch nur ein technisch überladenes Experiment im Ohr trägt, zeigt mein ausführlicher Blick auf die Details. Soundcore geht hier einen Weg, den bisher kaum ein anderer Hersteller so konsequent beschritten hat, was die Erwartungshaltung entsprechend hochschraubt.
Ein mechanischer Kniff mit großer Wirkung
Schon beim ersten Kontakt mit der Hardware wird klar, dass Soundcore hier nicht einfach nur Software-Spielereien betreibt, um sich von der Masse abzuheben. Die echte Besonderheit liegt in der physischen Flexibilität der Konstruktion: Die gummierten Ohrbügel lassen sich über ein cleveres Gelenk in 5 verschiedenen Stufen in ihrem Winkel verstellen.
In der weitesten Stufe schweben die Treiber locker und mit spürbarem Abstand vor dem Gehörgang, was den typischen Open-Ear-Effekt perfektioniert. Man bekommt jedes Auto, jedes Vogelgezwitscher und jedes Gespräch in der Umgebung glasklar mit, was besonders beim Joggen im dichten Stadtverkehr ein massiver Sicherheitsfaktor ist.
Klickt man den Bügel jedoch mit einem Handgriff enger, wandern die Lautsprecher direkt vor beziehungsweise ein kleines Stück weit in die Ohrmuschel hinein. Das erzeugt zwar immer noch nicht das klassische In-Ear-Gefühl mit abdichtenden Silikonstöpseln, aber es rückt die Schallquelle so nah ans Trommelfell, dass eine solide Basis für das Adaptive ANC 3.0 geschaffen wird. Die Verarbeitung wirkt dabei durchweg hochwertig und robust, was durch die IP55-Zertifizierung unterstrichen wird. Damit ist das Headset nicht nur gegen Schweiß bei intensiven Sprints im Fitnessstudio immun, sondern übersteht auch einen kräftigen Regenguss auf dem Heimweg ohne bleibende Schäden. Das Material der Bügel fühlt sich zudem angenehm weich auf der Haut an, was Druckstellen auch bei mehrstündigem Tragen effektiv verhindert.
Klangwelten zwischen Offenheit und Intimität
Klanglich liefern die 11,8 mm großen Composite-Treiber eine Performance ab, die mich im Test positiv überrascht hat. Normalerweise kämpfen offene Systeme bauartbedingt mit einem eher dünnen, kraftlosen Bassfundament, da der Schalldruck schlichtweg nach außen verpufft, bevor er das Ohr erreicht. Soundcore nutzt hier jedoch eine spezielle akustische Architektur, die den Tiefton gezielt in Richtung Gehörgang lenkt.
Im weiten Open-Ear-Modus klingt das Ganze extrem räumlich und breit, fast so, als würde man im Raum vor zwei hochwertigen Regallautsprechern stehen, während die Umweltgeräusche wie eine natürliche Hintergrundkulisse dazugehören. Sobald man die Bügel in den engeren Modus einklickt, erkennt das System die Veränderung und aktiviert eine automatische EQ-Anpassung. Der Sound gewinnt sofort an Druck und Direktheit, was vor allem elektronischer Musik oder Rock-Titeln zugutekommt.
Dank der Unterstützung des hochauflösenden LDAC-Codecs und der offiziellen Hi-Res Audio-Zertifizierung kommen feine Details in den Mitten und Höhen erstaunlich präzise rüber, sofern man ein kompatibles Android-Gerät nutzt. Wer es gerne bombastisch mag, kann in der App zudem das 360° Spatial Audio mit dynamischem Head-Tracking zuschalten. Das sorgt beim Filmschauen auf dem Tablet oder Smartphone für eine beeindruckende Immersion, da der Ton fixiert im Raum bleibt, wenn man den Kopf dreht. Einzig bei maximaler Lautstärke neigen die hohen Frequenzen in der offenen Einstellung minimal zum Übersteuern, was im normalen Höralltag aber kaum ins Gewicht fällt.
Die Sache mit der Stille
Kommen wir zum kritischen Punkt der gesamten Konstruktion: Kann ein offener Kopfhörer ohne Abdichtung wirklich effektiv Lärm unterdrücken? Wer erwartet, dass die AeroFit 2 Pro das schreiende Kleinkind im Langstreckenflugzeug oder das aggressive Kreischen der Strassenbahn so radikal wegzaubern wie ein paar klassische In-Ears, wird unweigerlich enttäuscht sein. Das ist physikalisch einfach nicht machbar, da der Schall immer noch Wege findet, am Gehäuse vorbei ins Ohr zu schlüpfen.
Dennoch leistet das System für seine Bauweise Erstaunliches. Vor allem monotone, tieffrequente Geräusche wie das konstante Brummen einer Klimaanlage, das ferne Rauschen von Reifen auf Asphalt oder der tiefe Bass eines Lüfters werden spürbar reduziert. Es handelt sich eher um eine sanfte, digitale Dämpfung, die den Fokus merklich auf die Musik schiebt, ohne einen komplett von der Außenwelt zu isolieren.
Für die Arbeit im Büro hat sich das im Test als ideal erwiesen: Das Geklapper der Tastaturen und das allgemeine Hintergrundrauschen werden auf ein Minimum reduziert, während man trotzdem noch mitbekommt, wenn ein Kollege direkt am Schreibtisch steht und eine Frage stellt. Es ist eine Art hybrider Ruhemodus, der weniger beklemmend wirkt als das totale Schweigen bei geschlossenen Systemen, aber dennoch für die nötige Konzentration sorgt.
Kontrolle per Knopfdruck und digitale Schaltzentrale
Bei der Steuerung geht Soundcore einen Weg, der vor allem Pragmatiker und Sportler freuen dürfte: Anstatt auf oft unpräzise Touch-Flächen zu setzen, die bei Regen oder Schweiß gerne mal den Dienst quittieren, verfügen die AeroFit 2 Pro über echte physische Tasten an der Oberseite der Hörer. Das Feedback beim Drücken ist knackig und präzise, was Fehlbedienungen nahezu ausschließt. Ob man nun einen Track überspringt, die Lautstärke anpasst oder zwischen den ANC-Modi wechselt, man hat stets die volle Kontrolle, ohne frustriert am Ohr herumtippen zu müssen. Einzig das Fehlen einer automatischen Trageerkennung trübt das Bild im Alltag etwas, da die Musik beim Absetzen der Hörer nicht selbstständig pausiert.
Die wahre Machtzentrale der Kopfhörer verbirgt sich jedoch in der Soundcore App, die für iOS und Android zur Verfügung steht. Hier zeigt der Hersteller erneut, warum er in dieser Kategorie oft die Nase vorn hat. Die App ist nicht nur eine hübsche Beigabe, sondern ein mächtiges Werkzeug zur Personalisierung. Neben verschiedenen vorgefertigten Profilen steht ein vollwertiger 8-Band-Equalizer zur Verfügung, mit dem man das Klangbild bis ins kleinste Detail an die eigenen Vorlieben anpassen kann.
Besonders nützlich ist die Funktion zur individuellen Belegung der Tasten, wodurch jeder Nutzer selbst entscheiden kann, welche Geste welche Aktion auslöst. Zudem lassen sich hier Firmware-Updates einspielen, die Multipoint-Verbindung für die gleichzeitige Kopplung mit zwei Geräten verwalten und der Gaming-Modus aktivieren, der die Latenz bei Videospielen auf ein Minimum reduziert. Die Benutzeroberfläche wirkt dabei aufgeräumt und modern, was die Einrichtung selbst für Technik-Laien zum Kinderspiel macht.
Ausdauer und Alltagsmanieren
In Sachen Akkulaufzeit zeigt sich in der Praxis ein deutlicher Unterschied zwischen den verschiedenen Betriebsmodi. Im reinen Open-Ear-Betrieb ohne aktives ANC halten die kleinen Buds beachtliche 7 Stunden am Stück durch, was für die meisten Arbeitstage oder ausgedehnte Wandertouren locker ausreicht. Schaltet man jedoch die Geräuschunterdrückung ein und reizt zusätzlich den energiehungrigen LDAC-Standard aus, sinkt die Laufzeit auf etwa 5 Stunden ab. Das ist immer noch ein solider Wert, erfordert aber bei langen Einsätzen den gelegentlichen Zwischenstopp im Case.
Das Ladeetui selbst ist ein echtes Kraftpaket und liefert genug Energie für insgesamt bis zu 34 Stunden Musikgenuss, bevor es selbst wieder an die Steckdose muss. Besonders lobenswert ist hier die Integration von kabellosem Laden, was den Komfort im Alltag deutlich erhöht. Ein Wermutstropfen bleibt jedoch die physische Präsenz des Cases: Es ist spürbar wuchtiger und breiter als die kompakten Schachteln herkömmlicher In-Ears, was schlicht den ausladenden und steifen Ohrbügeln geschuldet ist. In einer engen Jeans hinterlässt es eine deutliche Beule.
Ein Produkt für Individualisten
Die Soundcore AeroFit 2 Pro sind definitiv kein Produkt für die breite Masse, aber sie stellen eine exzellente Lösung für ein sehr spezifisches Nutzerprofil dar. Wer den typischen Druck im Gehörgang und das Gefühl der Isolation, das klassische In-Ears mit sich bringen, absolut nicht leiden kann, findet hier eine der innovativsten Alternativen auf dem Markt. Die Kombination aus mechanischer Verstellbarkeit und digitaler Lärmreduzierung ist in dieser Form einzigartig.
Die Verarbeitung ist absolut hochwertig, die App-Anbindung bietet die gewohnt enorme Tiefe an Personalisierungsmöglichkeiten und die Telefoniequalität überzeugt dank der 4 KI-unterstützten Mikrofone selbst bei windigem Wetter auf dem Fahrrad. Man muss sich beim Kauf jedoch im Klaren darüber sein, dass man einen bewussten Kompromiss eingeht: Das ANC ist eine hilfreiche Ergänzung für mehr Fokus, aber kein Wunderwerk, das die Physik außer Kraft setzt.
Wer mit dieser realistischen Erwartung herangeht, erhält einen der vielseitigsten und bequemsten Kopfhörer, die man aktuell für Geld kaufen kann. Es ist das perfekte Werkzeug für aktive Menschen, die ihre Umgebung nicht komplett aussperren, aber den Soundtrack ihres Lebens trotzdem in hoher Qualität genießen wollen.
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Test
Soundcore AeroFit 2 Pro
Die Soundcore AeroFit 2 Pro sind die idealen Begleiter für alle, die das Druckgefühl klassischer In-Ears hassen, aber im Alltag etwas Ruhe suchen. Der mechanische Kniff mit den verstellbaren Bügeln funktioniert hervorragend, auch wenn das ANC konstruktionsbedingt keine Wunder bei der Isolation vollbringt.
PROS
- Extrem hoher Tragekomfort
- Innovative Mechanik
- Starker Sound mit LDAC-Unterstützung
- Physische Tasten
- Hochwertige App
CONS
- Keine Trageerkennung
- Klobiges Ladecase
- bauartbedingt begrenztes ANC






















