Huawei hat mit der ersten Generation der FreeClip ein Design-Statement gesetzt, das die Tech-Welt nachhaltig gespalten hat. Die einen sahen darin ein futuristisches Schmuckstück, die anderen eher seltsame Klammern am Ohr. Mit den Huawei FreeClip 2 verfeinert der Hersteller dieses Konzept nun konsequent und räumt dabei viele Kinderkrankheiten des Vorgängers aus dem Weg.
Wir haben das neue Modell in der klassischen schwarzen Ausführung durch den harten Redaktionsalltag gejagt. Wer es lieber etwas auffälliger mag, findet sie zudem in den Farben Blau, Weiß und Rosé Gold. Ob die Evolution gelungen ist und für wen sich der stolze Preis von rund 200 Euro rechtfertigt, klärt unser Testbericht.
Design und Tragekomfort: Wenn Kopfhörer zu Accessoires werden
Das markanteste Merkmal bleibt die ikonische C-Bridge-Konstruktion, die nun spürbar elastischer und robuster wirkt als beim ersten Gehversuch. Huawei setzt weiterhin auf die bewährte Dreiteilung aus dem Akustikball, der direkt vor dem Gehörgang sitzt, der sogenannten Komfortbohne hinter dem Ohr und dem flexiblen Steg, der beides verbindet. Im Vergleich zum Vorgänger ist das gesamte System nochmals kompakter geworden und bringt lediglich etwas über 5 Gramm pro Hörer auf die Waage.
Das absolute Highlight im Alltag ist jedoch die funktionale Freiheit: Es gibt kein festgelegtes Links oder Rechts. Dank der integrierten automatischen Links-Rechts-Erkennung erkennt die Software beim ersten Neigen oder Schütteln des Kopfes zuverlässig, welcher Clip an welcher Seite sitzt und passt das Stereo-Signal verzögerungsfrei an. Das spart das lästige Suchen nach den kleinen Markierungen am Gehäuse, wenn man sie morgens im Halbdunkel aus dem Case fischt.
Das Tragegefühl ist phänomenal unaufdringlich und lässt sich am ehesten mit einem leichten Clip-Ohrring vergleichen. Da der Gehörgang komplett frei bleibt, entsteht niemals dieses lästige Druckgefühl oder die Wärmeentwicklung, die man von klassischen In-Ears nach stundenlanger Nutzung kennt. Man vergisst tatsächlich nach wenigen Minuten komplett, dass man sie überhaupt trägt. In unserem Test hielten die Clips selbst bei intensiven Workouts, Sprints zur Bahn oder dem berüchtigten Headbanging beim Luftgitarrensolo bombenfest am Ohr.
Einzig in Kombination mit sehr eng anliegenden Wintermützen oder dicken Brillenbügeln kann es zu einem leichten Verrutschen kommen, was die Bedienung dann etwas erschwert. Das Ladecase wurde ebenfalls runderneuert: Es ist nun deutlich quadratischer, wirkt insgesamt hochwertiger und verfügt über eine griffige, matte Textur, die unschöne Fingerabdrücke im Keim erstickt.
Klang und Akustik: Überraschender Bass trifft auf Bauform-Limits
Bei Open-Ear-Konstruktionen ist die Tieftonwiedergabe traditionell das Sorgenkind, da der Schall ohne Abdichtung zum Trommelfell entweicht. Huawei verspricht hier eine deutliche Steigerung durch ein neues Dual-Diaphragma-Design, das den Bassdruck massiv erhöhen soll. Und tatsächlich liefert der 10,8 Millimeter große Treiber für diese Bauweise eine erstaunlich satte Performance ab.
Hip-Hop-Beats oder orchestrale Passagen klingen deutlich kräftiger und präziser als beim ersten Modell. Die Mitten und Höhen kommen kristallklar rüber, was besonders Stimmen bei Podcasts und Hörbüchern eine angenehme Präsenz verleiht. Trotz der offenen Bauweise sorgt eine intelligente Anti-Schall-Technologie dafür, dass Ihre Privatsphäre gewahrt bleibt. Selbst bei hoher Lautstärke dringt kaum ein Ton nach außen, sodass man im vollen Bus sitzen kann, ohne die Sitznachbarn mit dem eigenen Musikgeschmack zu belästigen.
Allerdings zeigt die Physik ab einer Lautstärke von etwa 75 Prozent ihre Grenzen auf. Das Klangbild beginnt in diesem oberen Bereich spürbar zu verzerren und verliert an seiner ursprünglichen Harmonie, was den Hörgenuss bei maximalem Pegel etwas schmälert. Wer maximale Abschottung sucht, wird hier ohnehin enttäuscht sein, denn Außengeräusche fließen konzeptbedingt völlig ungefiltert ein. Das ist jedoch kein Mangel, sondern das Kernfeature für ein perfektes Situationsbewusstsein im Straßenverkehr, am Bahnsteig oder im Büro, wenn man ansprechbar bleiben muss.
Ein interessantes, wenn auch noch nicht ganz ausgereiftes Gadget ist die adaptive Lautstärkeanpassung. Sie nutzt die Mikrofone, um den Umgebungslärm zu analysieren und den Pegel automatisch anzuheben. In der Praxis agiert die Software manchmal noch etwas zu sprunghaft, was in sehr unruhigen Umgebungen zu einem unruhigen Hörerlebnis führen kann.
Smarte Features und Telefonie: Mehr als nur Musik
Die Bedienung erfolgt intuitiv über Gesten direkt an der C-Bridge oder den Gehäuseteilen. Ein doppelter Tipp pausiert die Wiedergabe oder nimmt Gespräche an, während man durch einfaches Streichen an der hinteren Komfortbohne die Lautstärke stufenlos regelt. Das funktioniert im Stehen oder Sitzen hervorragend, erfordert beim Laufen aber etwas Zielgenauigkeit, da die Trefferfläche recht klein ist.
Die tiefergehende Konfiguration erfolgt über die Huawei Audio Connect App, die mittlerweile sowohl für iOS als auch für Android und natürlich HarmonyOS in vollem Umfang verfügbar ist. Dort lässt sich ein präziser 10-Band-Equalizer nach eigenem Gusto einstellen, um die erwähnten Bass-Schwächen manuell auszugleichen. Besonders praktisch ist die Dual-Device-Connection, mit der man gleichzeitig mit dem Laptop und dem Smartphone verbunden bleibt und nahtlos zwischen dem Zoom-Call am Rechner und dem eingehenden Anruf am Handy wechselt.
Für Telefonate hat Huawei massiv aufgerüstet und die Hardware im Vergleich zum Vorgänger verdoppelt. Ein System aus sechs Mikrofonen arbeitet Hand in Hand mit einem speziellen Knochenschall-Sensor, um die eigene Stimme von störenden Umgebungsgeräuschen zu isolieren. In unserem Test am Wiener Hauptbahnhof blieb die Stimme für das Gegenüber beeindruckend klar und natürlich, während Windgeräusche und Durchsagen fast vollständig eliminiert wurden.
Ein futuristischer Clou ist zudem die KI-gestützte Kopfsteuerung: Man kann Anrufe einfach durch ein kurzes Nicken annehmen oder durch ein deutliches Kopfschütteln ablehnen. Das wirkt in der Öffentlichkeit vielleicht anfangs etwas exzentrisch, ist aber im Winter mit Handschuhen oder beim Tragen von Einkaufstüten ein echter Segen im Alltag.
Durchhaltevermögen und Robustheit: Langläufer für den Alltag
In Sachen Ausdauer hat Huawei die Messlatte für Open-Ear-Modelle ein ganzes Stück höher gelegt. Die reine Wiedergabezeit pro Ladung liegt nun bei stolzen 9 Stunden, was selbst für sehr lange Arbeitstage oder Transatlantikflüge ausreicht. Zusammen mit den Reserven im Ladecase kommt man auf eine beachtliche Gesamtlaufzeit von bis zu 38 Stunden.
In unserem Testzeitraum mit häufigen Telefonaten und Musik bei etwa 60 Prozent Lautstärke erwiesen sich diese Werte als absolut bodenständig und realistisch. Sollte der Akku doch einmal zur Neige gehen, greift die effiziente Schnellladefunktion: Schon nach 10 Minuten im Case stehen wieder rund 3 Stunden Hörzeit zur Verfügung, was die Angst vor leeren Batterien effektiv minimiert.
Die Robustheit wurde ebenfalls nicht vernachlässigt, um die FreeClip 2 zu echten Allwettermachern zu machen. Die Ohrhörer selbst sind nach dem Standard IP57 zertifiziert, was bedeutet, dass sie nicht nur schweißresistent sind, sondern theoretisch sogar ein kurzes versehentliches Untertauchen überstehen würden. Das Ladecase ist immerhin noch nach IP54 gegen Spritzwasser geschützt, was beim Gehen im Regen völlig ausreicht. Ein kleiner Luxus, den man in dieser Bauform oft vermisst, ist das integrierte Wireless Charging. Man legt das Case einfach auf eine Qi-Ladematte oder die Rückseite eines Smartphones mit Reverse-Charging, und der Ladevorgang startet ohne Kabelsalat.
Die perfekte Nische gefunden?
Die Huawei FreeClip 2 sind kein direkter Ersatz für klassische Noise-Cancelling-Kopfhörer, die einen im Flugzeug in absolute Stille hüllen. Stattdessen sind sie die vielleicht besten Begleiter für die restlichen 15 Stunden des Tages. Wer beruflich viel telefoniert, aktiv Sport treibt oder im Großraumbüro nicht den Anschluss an die Kollegen verlieren will, findet hier eine technisch erstklassige und optisch einzigartige Lösung. Der Tragekomfort setzt in der Branche neue Maßstäbe und die technische Reife bei der Akkulaufzeit sowie der Sprachqualität ist beeindruckend.
Wer bereit ist, die 200 Euro in die Hand zu nehmen, erhält ein hochmodernes Stück Technik, das den schwierigen Spagat zwischen Lifestyle-Accessoire und funktionalem Werkzeug fast perfekt meistert.
Unser Kollege Jochen Krause hat die FreeClip 2 ebenfalls auf unserem YouTube-Kanal getestet:
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Test
Huawei FreeClip 2
Die Huawei FreeClip 2 sind die konsequente Perfektionierung eines mutigen Konzepts. Wer In-Ears hasst und trotzdem nicht auf modernen Sound und smarte Features verzichten will, findet hier die derzeit bequemste Lösung am Markt. Einzig audiophile Pegel-Junkies könnten bei maximaler Lautstärke an Grenzen stoßen.
PROS
- Überragender Tragekomfort ohne Druckgefühl
- Überraschend kräftiger Bass für die offene Bauweise
- Exzellente Sprachqualität beim Telefonieren
- Praktische Links-Rechts-Automatik der Hörer
- Lange Akkulaufzeit und schnelles Wireless Charging
CONS
- Klang verzerrt bei Lautstärken über 75 Prozent
- (Bauart-bedingt) Keine aktive Geräuschunterdrückung möglich
- Hoher Preis im Vergleich zu Standard-Kopfhörern





















