In einer Zeit, in der wir gefühlt jede Kaffeemaschine per App steuern und das Licht im Wohnzimmer per Sprachbefehl dimmen, wirkt die klassische, analoge Gegensprechanlage oft wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Epoche. Mit der EZVIZ HP7 Pro möchte man dieses angestaubte Image endgültig begraben und verspricht nicht weniger als die totale Kontrolle über den Hauseingang, gewürzt mit einer ordentlichen Prise Biometrie.
Ich habe mir das System für euch im Alltagstest genauer angeschaut und dabei herausgefunden, ob die futuristischen Versprechen der Realität vor der Haustür standhalten können.
Ein massiver Wächter aus Metall und Glas
Schon beim ersten Kontakt mit der Hardware wird klar, dass EZVIZ hier nicht auf billiges Plastik oder dezentes Understatement setzt. Die Außeneinheit ist ein beeindruckend massiver Brocken, der in einem robusten und wetterfesten Gehäuse untergebracht ist. Die Haptik vermittelt sofort eine Wertigkeit, die man bei vielen Konkurrenzmodellen vermisst. Mit ihren Abmessungen ist sie kein unauffälliger Knopf, sondern ein Statement an der Hauswand.
Das Herzstück der Frontseite ist das Objektiv der 4K Ultra HD Kamera, die mit einem Sichtwinkel von 158 Grad arbeitet. In der Praxis bedeutet das, dass man nicht nur den Besucher sieht, der direkt vor der Linse steht, sondern fast den gesamten Vorgarten samt weggestellter Pakete im Blick hat. Ein nettes Gimmick für die dunkle Jahreszeit ist das beleuchtete Namensschild, das zusammen mit dem leuchtenden Klingelsymbol für einen professionellen Look sorgt und Besuchern den Weg weist.
Das Gegenstück für den Innenraum ist ebenso imposant. Der 8 Zoll große Touchscreen Monitor bricht mit der Tradition kleiner, körniger Displays. Die Auflösung von 1280 x 800 Pixeln ist für eine Sprechanlage absolut luxuriös und erinnert eher an ein modernes Tablet als an ein Haustelefon. Die Helligkeit des Panels reicht locker aus, um auch bei direkter Sonneneinstrahlung im Flur zu erkennen, wer gerade draußen steht. Die gesamte Verarbeitung wirkt wie aus einem Guss, was den Preis von rund 350 Euro zumindest haptisch rechtfertigt.
Die Hürden der festen Verkabelung
Wer nun hofft, die HP7 Pro mal eben zwischen Kaffeekochen und dem nächsten Meeting zu montieren, sollte tief durchatmen. Dieses System ist kein kabelloses Spielzeug, das man einfach an den Türrahmen klebt. Die Anlage verlangt nach einer soliden Infrastruktur. Ein großer Vorteil ist zwar die Flexibilität, da sie sowohl 2 Draht als auch 4 Draht Installationen unterstützt, was sie zum idealen Kandidaten für den Austausch alter Anlagen macht. Dennoch ist die Einrichtung in der Praxis ein Geduldsspiel. In meinem Test waren die mitgelieferten Anschlusskabel extrem kurz bemessen, was das Verdrahten in einer engen Unterputzdose zu einer echten Herausforderung für die Feinmotorik machte.
Technisch gesehen ist die Anlage jedoch ein Langstreckenläufer: Laut Datenblatt lassen sich Distanzen von bis zu 100 Metern überbrücken, sofern man Kabel mit einem Querschnitt von 1,5 Millimetern verwendet. Das ist besonders für Besitzer großer Grundstücke oder langer Einfahrten ein entscheidendes Kaufargument. Wichtig für alle DIY Begeisterten: Das System arbeitet mit einer Spannung von 24 Volt, was bedeutet, dass der alte Klingeltrafo im Sicherungskasten in Rente gehen muss, sofern man nicht das mitgelieferte Netzteil nutzt. Die HP7 Pro ist also ein Projekt für einen freien Samstagvormittag und erfordert definitiv ein gewisses Maß an handwerklichem Geschick.
Wenn die Handfläche zum Türöffner wird
Das absolute Alleinstellungsmerkmal der Pro Version ist die Integration biometrischer Erkennungsverfahren. Während die Konkurrenz oft noch bei einfachen RFID Chips stehen bleibt, bietet EZVIZ hier eine Handvenen Erkennung. Was nach Science Fiction klingt, ist im Alltag erstaunlich praktikabel. Man hält die flache Hand in einem Abstand von etwa 15 bis 25 Zentimetern vor die Kamera, und innerhalb von weniger als 1,5 Sekunden schaltet das System das elektrische Türschloss frei. Der Vorteil gegenüber dem Fingerabdruck liegt auf der Hand: Die Venenstruktur liegt geschützt unter der Haut, ist fälschungssicherer und funktioniert auch dann, wenn die Finger im Winter klamm oder vom Gartenbau schmutzig sind.
Wem das Vorhalten der Hand zu mühsam ist, der kann auf die 3D Gesichtserkennung setzen. Hierbei wird ein Tiefenprofil des Gesichts erstellt, was das System unempfindlich gegenüber einfachen Fotos oder Videos macht, die man vor die Linse hält. Im Test funktionierte das bei Tageslicht tadellos, selbst mit Sonnenbrille oder Mütze. Für Gäste oder den Postboten lassen sich zudem klassische RFID Karten (drei Stück liegen bei) oder temporäre Passwörter einrichten. Das System fungiert somit als komplette Zutrittskontrolle für das gesamte Haus. Besonders beruhigend für Datenschützer ist das Versprechen von EZVIZ, dass die biometrischen Rohdaten rein lokal auf dem Gerät verarbeitet werden und niemals die heimischen vier Wände in Richtung Cloud verlassen.
Brillanz in 4K und die Tücken der KI
In puncto Bildqualität setzt die HP7 Pro neue Maßstäbe im Segment der Gegensprechanlagen. Die 4K Auflösung liefert eine Detailtiefe, die es erlaubt, selbst Kleingedrucktes auf Lieferbelegen zu entziffern. Dank der WDR Technologie(Wide Dynamic Range) meistert die Kamera auch schwierige Lichtsituationen, wie sie oft bei tiefstehender Abendsonne direkt hinter dem Besucher entstehen. Die Gesichter bleiben erkennbar und werden nicht zu dunklen Silhouetten. Sobald es dämmert, spielt die Anlage ihren nächsten Trumpf aus: Eine farbige Nachtsicht, die durch hochempfindliche Sensoren ermöglicht wird. Erst bei absoluter Dunkelheit springen die Infrarot LEDs an, die dann eine Sichtweite von etwa 6 Metern abdecken.
Die integrierte KI zur Menschen Erkennung ist Fluch und Segen zugleich. Sie ist darauf trainiert, zwischen einem Menschen und beispielsweise einer Katze oder einem vorbeifahrenden Auto zu unterscheiden. Das reduziert die Anzahl der Fehlalarme auf dem Smartphone drastisch. Dennoch zeigte sich im Test, dass bei maximaler Empfindlichkeit ein stark schwankender Ast im Wind ausreichte, um eine Benachrichtigung auszulösen. Hier ist ein wenig Experimentierfreude in den Menüs gefragt, um die goldene Mitte für das eigene Grundstück zu finden.
Ein weiteres Highlight ist die Video Kompression nach dem H.265 Standard, die dafür sorgt, dass die hochauflösenden Aufnahmen den Speicherplatz auf der microSD Karte nicht innerhalb weniger Tage auffressen.
Das Display als Schaltzentrale für das gesamte Grundstück
Ein Punkt, der die EZVIZ HP7 Pro von einer bloßen Video-Klingel zu einer echten Sicherheitszentrale befördert, ist die nahtlose Integration in das bestehende Ökosystem des Herstellers. Wer bereits andere Kameras der Marke im Einsatz hat, wird den 8-Zoll-Monitor schnell als unverzichtbares Werkzeug schätzen lernen. In meinem Test habe ich beispielsweise die EZVIZ CB8 Lite 4G (zu unserem Review) eingebunden – eine motorisierte Outdoor-Kamera, die eigentlich autark per Mobilfunk arbeitet. Das Zusammenspiel ist beeindruckend: Über das Menü des Innendisplays lassen sich zusätzliche Kameras mit nur wenigen Klicks hinzufügen.
Sobald die Verbindung steht, mutiert der Monitor im Flur zum kleinen Wachraum. Man muss nicht mehr erst das Smartphone aus der Tasche kramen und die App entsperren, um zu sehen, was hinter dem Haus oder in der Einfahrt passiert. Ein einfacher Wischer auf dem Touchscreen genügt, um das Live-Bild der CB8 Lite 4G aufzurufen. Die Darstellung ist dabei flüssig und nutzt die hohe Auflösung des Panels hervorragend aus.
Besonders komfortabel: Da die HP7 Pro permanent am Stromnetz hängt, dient sie als „Always-On“ Kontrollpunkt, der auch dann schnell reagiert, wenn andere Geräte im Standby-Modus verweilen. Diese Vernetzung wertet das System massiv auf, da man die gesamte Grundstücksüberwachung von einem zentralen, fest installierten Ort aus steuern kann, ohne auf die mobile App angewiesen zu sein.
Die Grenzen des digitalen Ökosystems
Wo so viel Licht ist, gibt es zwangsläufig auch Schattenseiten. Die Achillesferse der EZVIZ HP7 Pro ist ihre Software Philosophie. Wer gehofft hat, die Kamera nahtlos in ein bestehendes Apple HomeKit oder Google Home System einzubinden, wird enttäuscht. Die Integration beschränkt sich meist auf die Anzeige des Livebildes auf einem Smart Display. Eine tiefe Verzahnung, etwa dass beim Klingeln automatisch alle Lampen im Haus blinken, lässt sich ohne Umwege über Drittanbieter kaum realisieren. Die hauseigene EZVIZ App ist zwar mächtig und bietet Zugriff auf jedes noch so kleine Detail, wirkt aber an manchen Stellen unnötig verschachtelt und durch Werbung für den eigenen Cloud Dienst etwas überladen.
Ein weiterer Punkt, den man vor dem Kauf bedenken sollte, ist das Thema Audio. Zwar bietet die Anlage eine erstklassige Gegensprechfunktion mit Rauschunterdrückung und sogar einen Stimmenverzerrer für mehr Privatsphäre, aber es fehlt die Unterstützung für klassische, externe Funkgongs. Wenn es an der Tür klingelt, ertönt der Ton am Innendisplay und auf dem Handy. In einem dreistöckigen Haus kann es also passieren, dass man den Ruf verpasst, wenn das Smartphone gerade im Stummmodus in der Küche liegt. Zwar lässt sich ein zweiter Monitor als Slave Gerät anschließen, das treibt die Kosten jedoch weiter in die Höhe.
Ein technisches Kraftpaket mit Ecken und Kanten
Die EZVIZ HP7 Pro ist zweifellos eine der modernsten und leistungsfähigsten Türsprechanlagen auf dem Markt. Sie schlägt die Brücke zwischen klassischer Sicherheitstechnik und moderner Biometrie mit Bravour. Wer bereit ist, den Aufwand der Verkabelung auf sich zu nehmen und ein Fan von schlüssellosem Zugang ist, bekommt hier ein Paket geschnürt, das in Sachen Bildqualität und Komfort seinesgleichen sucht. Die Handvenen Erkennung ist ein echtes Highlight und funktioniert im Alltag so zuverlässig, dass der physische Haustürschlüssel schnell in der untersten Schublade verschwindet.

Man muss sich jedoch im Klaren darüber sein, dass man sich ein Stück weit in das EZVIZ Ökosystem einkauft. Die Abhängigkeit von der herstellereigenen App und die etwas eigenwillige Smart Home Integration sind Punkte, über die man hinwegsehen muss.
Für den Preis von etwa 350 Euro erhält man jedoch eine Hardware, die nicht nur durch ihre inneren Werte, sondern auch durch ihre robuste Bauweise überzeugt. Die Möglichkeit, Daten lokal auf einer bis zu 512 GB großen microSD Karte zu speichern, ohne monatliche Abogebühren zahlen zu müssen, ist in der heutigen Zeit ein nicht zu unterschätzender Pluspunkt.
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EZVIZ HP7 Pro
Die EZVIZ HP7 Pro ist ein beeindruckendes Kraftpaket für Sicherheits-Enthusiasten. Die 4K-Bildschärfe und der biometrische Zugang via Handvene setzen Maßstäbe. Trotz kleinerer Schwächen bei der Smart-Home-Einbindung und der etwas frickeligen Montage bleibt sie die Referenz für moderne Türsysteme.
PROS
- Tolle 4K Bildqualität bei Tag und Nacht
- Hochsichere Handvenen- und Gesichtserkennung
- Edles Design mit großem 8-Zoll-Touch-Display
- Lokale Speicherung ohne zwingendes Abo-Modell
CONS
- Eingeschränkte Integration in Apple und Google Ökosysteme
- Installation erfordert handwerkliches Geschick
- Fehlende Unterstützung für externe Standard-Funkgongs





















