Nothing hat heute gleich doppelt nachgelegt und mit dem Nothing Phone (4b) sowie den Nothing Ear (3a) zwei neue Produkte vorgestellt, die vor allem eines zeigen: Die Marke will nicht nur im oberen Mittelklasse Bereich auffallen, sondern auch dort, wo normalerweise viele Geräte ziemlich austauschbar wirken. Beim Smartphone geht es um einen neuen Einstieg in die Nothing Welt, bei den Kopfhörern um ein Modell, das preislich unterhalb der Flaggschiff Linie bleibt, aber trotzdem einige sehr eigene Ideen mitbringt.
Ganz überraschend kommt der Schritt nicht. Nothing hat sich in den vergangenen Jahren eine kleine, aber ziemlich treue Community aufgebaut. Nicht unbedingt, weil jedes Produkt technisch immer das stärkste seiner Klasse war, sondern weil Nothing verstanden hat, dass Design, Software Gefühl und Markenidentität im Alltag mehr ausmachen können als ein Datenblatt mit möglichst vielen Superlativen. Genau an dieser Stelle setzen Phone (4b) und Ear (3a) an. Sie wollen nicht die lautesten Geräte im Regal sein, sondern die, bei denen man zweimal hinschaut.
Ein neues Einstiegs Phone mit typischer Nothing DNA

Auch die Glyph Idee bleibt erhalten, diesmal in Form einer überarbeiteten Glyph Bar mit 45 einzeln ansteuerbaren Mini LEDs. Sie zeigt Benachrichtigungen, Ladefortschritt, Aufnahme Hinweise und personalisierte Alarme an. Das ist weiterhin eine dieser Nothing Funktionen, die man entweder charmant findet oder als netten Show Effekt abtut. Aus eigener Erfahrung mit früheren Nothing Geräten würde ich sagen: Im Alltag nutzt man die Glyph Elemente seltener, als das Marketing vermuten lässt, aber man vermisst sie schneller, als man vorher glaubt. Gerade bei stumm geschaltetem Smartphone auf dem Schreibtisch haben solche Lichtsignale tatsächlich ihren Reiz.
Das Phone (4b) kommt in Schwarz, Weiß und Blau, dazu gibt es in Indien eine exklusive RCB Sonderedition. Für Europa interessanter ist aber die normale Version, die mit 8 GB RAM und 128 GB Speicher zu einem Preis von 329 Euro startet. Der offene Verkauf beginnt am 17. Juli, Vorbestellungen sind ab sofort möglich.
Viel Akku, solides Display, aber nicht ohne Kompromisse
Technisch setzt Nothing beim Phone (4b) auf den Snapdragon 6 Gen 4, also keinen High End Chip, aber eine moderne Plattform für den Alltag. Für Social Media, Messaging, Navigation, Streaming und die üblichen Apps sollte das locker reichen. Auch Casual Gaming ist drin, Nothing spricht selbst von optimierter Performance für bekannte Titel. Wer allerdings ein Performance Monster sucht oder regelmäßig grafiklastige Spiele mit maximalen Einstellungen spielt, wird in dieser Preisklasse anderswo vermutlich aggressivere Hardware finden.
Spannender ist der Akku. Das globale Modell besitzt 5.200 mAh, in Indien sind es sogar 6.000 mAh. Nothing spricht vom bisher ausdauerndsten Phone der Marke. Dazu kommt 33 Watt Schnellladen, womit der Akku in unter 30 Minuten zur Hälfte geladen sein soll. Kabelloses Laden sollte man in dieser Preisklasse nicht zwingend erwarten, und Nothing kommuniziert es hier auch nicht als Feature. Trotzdem bleibt ein großer Akku eines der ehrlichsten Verkaufsargumente überhaupt. Ein Smartphone, das zwei Tage ohne Steckdose durchhält, ist im Alltag oft wertvoller als der nächste Benchmark Rekord.
Die Schutzklasse liegt bei IP64. Das reicht gegen Staub und Spritzwasser, ist aber kein Freifahrtschein für Pool, Badewanne oder längere Regen Abenteuer. Positiv ist, dass Nothing offen kommuniziert, wo das Gerät steht. In der Einstiegsklasse ist IP Schutz noch immer kein Selbstläufer.
Kamera mit 50 Megapixeln und viel Software Hoffnung
Auf der Rückseite sitzt eine 50 Megapixel Hauptkamera mit optischer Bildstabilisierung, flankiert von einer 119 Grad Ultraweitwinkelkamera. Vorne gibt es 16 Megapixel für Selfies und Videocalls. Videos sind mit 4K bei 30 Bildern pro Sekunde möglich. Nothing kombiniert zudem OIS, EIS und AI Anti Shake, um Aufnahmen zu stabilisieren. Besonders spannend klingt Dual Video Capture, bei dem Front und Rückkamera gleichzeitig aufnehmen können. Für Vlogs, kurze Reels oder Event Eindrücke ist das tatsächlich praktischer, als es auf dem Papier vielleicht wirkt.
Wie gut die Kamera am Ende wirklich ist, wird aber stark von der Bildverarbeitung abhängen. Nothing setzt auf die TrueLens Engine 4 und Ultra XDR, wobei mehrere RAW Frames kombiniert werden sollen. Das klingt nach moderner Smartphone Fotografie, wie man sie inzwischen auch aus deutlich teureren Geräten kennt. Trotzdem bleibt eine gesunde Skepsis angebracht. In dieser Preisklasse entscheidet nicht die Megapixel Zahl, sondern wie zuverlässig Fokus, Dynamikumfang, Nachtmodus und Hauttöne funktionieren. Nothing hatte in der Vergangenheit immer wieder charmante, aber nicht ganz perfekte Kameras. Genau hier wird sich zeigen, ob das Phone (4b) mehr ist als ein hübsches Alltagsgerät.
Nothing OS bleibt einer der größten Pluspunkte
Ein echter Vorteil bleibt die Software. Das Phone (4b) startet mit Nothing OS 4.1 auf Basis von Android 16 und erhält laut Hersteller drei Jahre Android Updates sowie sechs Jahre Sicherheitsupdates. Für ein günstigeres Smartphone ist das stark, auch wenn manche große Hersteller inzwischen noch längere Update Versprechen bieten.
Nothing OS hat sich über die Jahre einen eigenen Charakter bewahrt. Es wirkt aufgeräumt, verspielt und angenehm anders, ohne komplett gegen Android zu arbeiten. Das ist wichtig, denn viele günstige Smartphones scheitern nicht an der Hardware, sondern an überladener Software, Werbeelementen oder halbherzigen Zusatz Apps. Nothing integriert zudem seine Essential AI Funktionen, ChatGPT Elemente, Google Gemini, Circle to Search und weitere Systemwerkzeuge. Das klingt nach viel KI, muss aber im Alltag erst beweisen, ob es wirklich hilft oder nur ein weiteres Schlagwort auf der Verpackung ist.
Ear (3a): Kopfhörer mit Gedächtnis
Technisch setzen die Ear (3a) auf einen 12 Millimeter dynamischen Treiber, der gegenüber den Ear (a) mehr Bass liefern soll. Dazu kommt eine überarbeitete aktive Geräuschunterdrückung mit bis zu 45 dB Reduktion. Besonders Stimmen und typische Umgebungsgeräusche sollen besser ausgeblendet werden. Drei Mikrofone pro Ohrhörer und KI gestützte Geräuschreduzierung sollen außerdem Telefonate verbessern. Gerade in diesem Preisbereich ist gute Mikrofonqualität oft der Punkt, an dem viele Earbuds patzen. Hier wird ein Praxistest besonders spannend.
Die Akkulaufzeit klingt stark: bis zu 10 Stunden ohne ANC, zusammen mit Case bis zu 42 Stunden. Mit ANC sind es bis zu 6 Stunden pro Ladung und insgesamt bis zu 25 Stunden mit Case. Fünf Minuten im Ladecase sollen eine weitere Stunde Wiedergabe bringen. Dazu gibt es Bluetooth 6.0, Multipoint Verbindung, IP54 Schutz und umfangreiche Anpassungen über die Nothing X App.
Audio Snapshot ist clever, aber nicht ganz unproblematisch
Das ungewöhnlichste Feature der Ear (3a) heißt Audio Snapshot. Die Ohrhörer besitzen 32 MB integrierten Speicherund können kurze Audio Momente direkt aufnehmen. Per Pinch Geste lassen sich bis zu eine Minute Ton mitschneiden, inklusive bis zu 30 Sekunden, die bereits vor dem Auslösen abgespielt wurden. Danach wird die Aufnahme in die Nothing X App übertragen, wo sie abgespielt, bearbeitet, transkribiert oder als Quote Card geteilt werden kann.
Aus journalistischer Sicht ist Audio Snapshot fast schon die spannendere Neuerung als die klassischen Audio Verbesserungen. Viele günstige Earbuds klingen inzwischen ordentlich, haben ANC und lange Akkulaufzeit. Aber eine wirklich eigene Funktion, über die man diskutieren kann, ist selten geworden. Nothing schafft es hier erneut, ein Produkt mit Gesprächswert zu bauen.
Ein starker Doppelstart, aber der Preis muss sitzen
Der heutige Launch zeigt sehr gut, wo Nothing 2026 steht. Die Marke ist längst nicht mehr nur der schräge Herausforderer mit transparenten Geräten und LED Spielereien. Nothing baut inzwischen ein recht geschlossenes Ökosystem aus Smartphones, Kopfhörern, Software und Community Gefühl. Das Phone (4b) könnte für viele Nutzer der günstigste Einstieg in diese Welt werden, ohne komplett wie ein Sparmodell zu wirken. Gleichzeitig ist 329 Euro kein Kampfpreis mehr, vor allem wenn man auf den reinen Chip, die Kameraausstattung und den Speicher schaut.
Die Ear (3a) wirken da fast einfacher einzuordnen. Für 99 Euro bieten sie ein starkes Paket aus ANC, langer Laufzeit, auffälligem Design und einer Aufnahmefunktion, die man in dieser Form selten sieht. Ob sie klanglich wirklich überzeugen, muss ein Test zeigen. Auf dem Papier haben sie aber das Potenzial, einer der spannendsten günstigen True Wireless Starts des Sommers zu werden.
Nothing bleibt damit Nothing: ein bisschen frech, ein bisschen verspielt, manchmal vielleicht zu sehr vom eigenen Stil überzeugt, aber fast immer interessanter als der Durchschnitt. Und genau das ist in einer Branche, in der viele Geräte schon vor dem Auspacken austauschbar wirken, immer noch ziemlich viel wert.
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Bildquelle: Nothing